250 km zu Fuß!

Die Marie wandert auf dem Jakobsweg

…und endlich Santiago! (Oder der Tag an dem ich 40Minuten nach einem Internetcafe suchte)

Heute morgen bin ich in Santiago angekommen, habe mit Rucksack die Kathedrale besichtigt, meinen Compostuela im Pilgerbuero abgeholt, die Messe mitgefeiert und stundenlang die Stadt besichtigt. Santiago ist traumhaft schoen, verwinkelte Gaesschen umringen die Kathedrale und verbinden die vielen wunderbaren Gebauede der Stadt- ich kann euch gar nicht genug vorschwaermen, die Altstadt ist wunderbar erhalten und sehr gepflegt (und streng bewacht- ich bin umzingelt von Polizeistationen!). Es gibt grosszuegige Parkanlagen, die sich an die Universitaet anschliessen und geradezu zum faulenzen einladen- und dass habe ich heute ausfuehrlich getan! Ueberhaupt ist die Stadt total vom studentischen Alltag gepraegt und die vielen Pilger gehen fast unter:)

Philip (der Hollaender) und ich teilen uns hier eine wunderschoene Wohnung ueber einem Gemuesehandler mit meinem eigenen Zimmer ( niemand der schnarcht!!!), Fernsehen, einer Kueche, Bad und einem (spanisch befuellten) Buecherregal. Hier laesst es sich aushalten!

Mittags hatte ich mich mit Waltraud zur Toertchenschlacht verabredet- in einem der feinen kleinen Cafes haben wir uns eine Unmenge kleiner Toertchen gekauft (inklusive Miniwindbeutel) und sind in den Park gewandert und haben sie genuesslich, jede Kalorie feiernd, verspeist… ganz ehrlich heute habe ich den Tag verbummelt. Nur das Flair der Stadt aufgesogen und das „Angekommen-Sein“ ausgekostet. Der Jakobsweg war teilweise sehr schwer fuer mich- schon allein wegen der Schmerzen in meinen Fuessen und der bestaendigen Sorge, ob ich ueberhaupt weitergehen kann, oder vielleicht doch noch abrechen muss. Kristina, Annika und ich mussten uns in Triacastela trennen und na ja, ihr wisst schon- leicht war das nicht fuer mich, denn alle anderen in meinem Alter sind eben volle Etappen gegangen und nicht nur halbe. Aber ich habe es aus meiner eigen Kraft geschafft und wirklich besondere Menschen kennengelernt- und treffe sie jetzt in der Stadt immer wieder. Das ist wirklich eine Art Befreiungsschlag nach gestern, war ich doch sehr enttaeuscht von der Etappe nach Monte de Gozo (ueber die hochgelobte Pilgerherberge schweige ich lieber… sie war g-r-a-u-e-n-h-a-f-t), die anfangs schoen durch Eukalypten fuehrte, aber dann parallel zur Strasse verlief und einfach stressig war.

Was soll ich jetzt noch mehr sagen ausser DANKE an alle, die mich ein Stueck des Weges begleitet haben- gottseidank, SANTIAGO ist erreicht!- es war die beste Entscheidung meines Lebens diesen Weg zu gehen.

Alles Liebe, Marie

In Sandalen ueber die Alpen…

Hola,

heute bin ich in Arzua angekommen und das Wetter ist fantastisch. Ich habe heute den ganzen Tag verbummelt und hatte gemaess der morgendlichen Anweisung viel Spass.

Also zuerst etwas ueber die heutige Etappe- bergmaessig einige Steilhaenge, aber nicht schlimmer als das Siebengebirge und ohne Ende Eukalyptuswaelder. Ich hatte keine Ahnung, dass Eukalypten (huh, was ist denn bitte der Plural?) so hoch werden! Die Landschaft war wie immer berauschend und wir hatten Sonnenschein! Mir wurde es fast ein bisschen zu warm… Heute war aber der Tag der Begegnungen- wenn ich ihn betiteln sollte. Morgens beim Fruehstueck hat mir meine brasilianische Familie einen sehr schoenen Halbedelstein geschenkt- er ist gruen mit Flecken, weil er angeblich gut fuer die Seeele ist. Oh und ich hatte frische Erdbeeren zum Fruehstueck, weil eine Pilgerin mir die Haelfte ihre Packung geschenkt hat- Kaesebroetchen, Yoghurt und Erdbeeren, ich lebe richtig gut!  Ich bin dann munter losmarschiert, ueberwandt die ersten Huegel und traf in einem kleinen Ort vor einer urigen Kirche einen sehr netten Padre mit dem ich bestimmt eine halbe Stunde verquatscht habe, er hat mir die Kirche gezeigt und eine Bibel und ein kleines Buch ueber den Camino geschenkt. Weiter ging es Richtung Rio und ich landete bei einer Gruppe, die Pflastersteine von Pilgern bemalen laesst und diese als zusaetzliche Wegweiser entlang des Jakobsweges plaziert. Die Idee finde ich sehr schoen und ich habe fleissig einen Stein bemalt und bekomme die Bilder per E-mail:) Am Ende von Rio bin ich dann einer alten Baeurin in die Finger geraten, die mich gleich ihrem Sohn vorstellen wollte (… oh. mein. Gott. Soetwas passiert auch nur mir!)  und dann war ich auch schon um eins in Arzua. Arzua ist huebsch und ich habe natuerlich Pulpo, TINTENFISCH!!! zu Mittag gegessen. Leider konnten wir schon wieder nicht kochen, aber was soll’s. Menue de Pelegrino zum Abendessen und tonnen von Keksen zwischendurch. Wahrscheinlich hab ich zugenommen, wenn ich zurueckkomme, ich bin den ganzen Tag am Essen! Einer meiner staendigen Wegbegleiter ist richtig krank geworden- Durchfall- wohl wegen des Wassers aus einer Quelle am Weg. Ich habe heute meine Wasserflasche stehengelassen, aber gluecklicherweise in einer Tienda einfach frisches gekauft… Durchfall, der haette mir ja gerade noch gefehlt.

Gestern bin ich nach Melide gewandert und irgendwie bin ich die ganze Zeit alleine gewesen. Nach drei Stunden hab ich am Wegesrand ein Pferd auf einer Koppel gesehen und mich dann halt mit diesem unterhalten. Es war schon sehr seltsam einfach niemanden unterwegs zu sehen, keine Radfahrer, keine anderen Pilger… Ich, allein in der Wildnis. Melide war dazu das absolute Kontrastprogramm, denn Melide ist eine richtige Grossstadt (eu, drei s), die Spanier alle tres chic und ich in meinen Badelatschen, nachmittags zum Stadtspaziergang. Dort hab ich in der Herberge ein supernettes Ehepaar aus St. Louis kennengelernt, mit denen ich dann losgezogen bin zur Apotheke und zum Supermarkt. Abends hat meine Gruppe (^_^) dann ein Konzert mit neuen Talenten aus Melide besucht (das wahr teilweise unfreiwillig komisch, besonders als Christina das Moechtegerntalent ihren Beitrag fuer den Grandprix d’Eurovision vorstellte… Kueblboeck in weiblich! *schaudert*) und dann gings puenktlich um halb elf ins Bett. Allerdings blieb der Schlaf ein ferner Gast in dieser Junta-herberge gab es doch gleich zwei Extremschnarcher, die auch noch einen Schnarchtakt entwickelten. Aaaaaah! Von gestern auf heute hab ich also maximal 2 Stunden geschlafen und sehe aus wie ein Waschbaer- dafuer ist die Herberge heute superschoen und hat tolle sanitaere Anlagen (danke, danke fuer warme Duschen, deren Knopf man nicht bestaendig druecken muss!) – der Schlafsaal ist jedoch sehr gross. Hm. Mal sehen. Morgen geht es nach Pedrouza und jetzt suche ich mir eine Telefonzelle um Hanne anzurufen.

Alles Liebe, Marie

PS. Florian, ich hatte mich schon gewundert, dass du dich noch nicht gemeldet hattest. Liebe Gruesse an Heidi, Mia und Hannah! ❤

PPS. Les, mit Paddy jetzt alles in Ordnung?

…Palas del Rei hab ich mir irgendwie groesser vorgestellt!

Buenas Dias zusammen,

 ich sitze im Internetcafe/Sportbar in Palas del Rei und verarbeite den Tag- ach ja, schoen war’s heute. Strahlender Sonnenschein seit heute morgen und wunderbare Temperaturen zum wandern.

Seit Sarria war Palas del Rei meine dritte Etappe und da ich ein bisschen Zeit habe, eine kurze Zusammenfassung der letzten Tage:

Meine erste 12 km Etappe ging im stroemenden Regen nach Ferreiros- und ich habe nur Sandalen an, da ich nicht anderes mehr tragen kann. Ich habe mir also ein Muellsackkonstrukt gebastelt, dass auch recht gut funktioniert hat und gegen Mittag war ich in Ferreiros. Die Strecke war wunderschoen, mit kurzen Anstiegen durch Eichenwaelder und an Baechen entlang. Entlang bedeutet auf dem Jakobsweg mitten hindurch auf wackeligen Steinen. Das war vielleicht ein Spass- alle fuenf Minuten hab ich Stossgebete zum Himmel geschickt, damit ich nicht im Bach lande, oh und natuerlich habe ich laut gesungen, es war ja ausser mir niemand da. In Ferrreiros angekommen ging der Sturm los und die Herberge war noch zu- also bin ich in Haus drei von sieben haengengeblieben und habe viel Kolakao getrunken und so langsam meine Etappengruppe kennengelernt. Im selben Tempo wie ich reisen ein aelteres norwegisches Ehepaar, ein sehr nettes Ehepaar aus der Eifel, ein witziger Hollaender (Annika+Kristina: der FReund von Carlos, erinnert ihr euch an den?) und eine brasilianische Familie, deren Sohn in meinem Alter ist, aber ziemlich schuechtern. Wir sehen uns jeden Tag auf den Strecken, gehen zusammen Essen (Waltraud und ich teilen uns das Rucksack Taxi), kochen morgen zusammen in Melide- oh und alle sind immer sehr aufmerksam, dass ich ein Bett bekomme, dass ich genug esse und ueberhaupt:) Mit dem Laufen geht es sehr gut, aber nach 15 km ist wirklich die Schmerzgrenze erreicht, danach wird jeder Schritt unangenehm.

Die Strecke von Ferreiros nach Gonzar ist sehr idyllisch, verwunschene Eichenwaelder und einsame halbleere Doerfer wechseln sich ab mit der immergruenen, satten Landschaft Galiziens. Oh und natuerlich hat es gestern geregnet. Es hat derartig geregnet, dass ich mir in Portomarin nicht nur Geld abheben sondern auch trockene Socken kaufen musste. Jaja, die teuersten Socken meines Lebens- zwei Paar Wandersocken 25 Euro. Aber ganz ehrlich, ich konnte mir die Fuesse trocknen und warme Fuesse sind etwas wunderbares.  Portomarin hat eine Kathedrale, die ich aber nicht besonders beeindruckend fand (ich bin halt die Dimensionen des Koelner Doms gewohnt und Portomarins Kirche war nicht viel groesser als die Rotter Dorfkirche, dafuer aber voller Kunstschaetze) Vielleicht haben mich auch nur die Bustouristen genervt (von den Spaniern abschaetzig Tolegrinos, statt Pelegrinos,  gerufen), die trocken und leicht angeheitert aus ihrem Bus quellten, alles in der Kirche fotografieren mussten und zu allem Ueberfluss hat einer von ihnen urbayrisch losgepoltert, dass er es ja locker schaffen wuerde zu Fuss zu gehen, die Etappen seien ja zahm. Ganz ehrlich zu diesem Zeitpunkt war ich bereits knapp vier Stunden durch den Regen auf sehr glatten Schieferwegen und knoecheltiefen Waldwegen herumsandalt und dem entsprechend sauer. Da muss man sich von jemandem der mit einem Bus unterwegs ist anhoeren, dass der Jakobsweg ja wirklich nichts Besonderes ist… Ah, ein wenig mehr ueber Portomarin: Portomarin wurde in den fuenfzigern aus einem Tal abgetragen und Gebaeude fuer Gebauede an einem Berghang wiederaufgebaut, das urspruengliche Dorf versank in den Fluten eines Stausees und da in Galizien zur Zeit Hochwasser ist (bitte, kein Kommentar), konnte ich die versunkenen Reste nicht sehen, nicht einmal die alte Bruecke. Portomarin liess ich rasch hinter mir und stieg hinauf nach Gonzar, in eine Juntaherberge mit exakt einem auf der Herdplatte huepfenden Topf und zwei Tellern. Aeh genau. Ich hatte mir zwar Nudeln, Kaese und Sosse (sorry, spanische Tastatur) mitgenommen, aber das Kochen gestaltet sich eher abenteuerlich- aber es hat geklappt, denn als Alternative haette ich nur ein Broetchen in dem Cafe nebenanbekommen und ich hatte wirklich Hunger… Spaeter sind wir ins Cafe umgezogen und ich habe meinen Kolakao getrunken und das Gewitter betrachtet.

Ueber Nacht hat es aufgeklart und heute war ein wunderwunderschoener Tag, anfangs fiel mir der Weg schwer, denn es ging bergauf und meine Ferse schmerzte sehr, aber die Landschaft war bei Sonnenschein so viel ansprechender, so dass ich gar nicht anders konnte als vergnuegt die Pfade entlangzusteigen. Nervig war nur die bestaendige Querung der C535 (Spanische Schnellstrasse), hin-zurueck- hinzurueck. Hmpf. Waeren nicht so fiese LKWs unterwegs koennte man natuerlich auf der Strasse bleiben- oh und was ich nicht begreife ist, dass der Jakobsweg immer nach starken Kurven oder Kuppen die Schnellstrasse quert… tolle Planung. Heute gab es eine ganze Reihe kleine Kirchen und Steinkreuze zu sehen und ich war schon um 1 in Palas del Rei. Hier suche ich uebrigens immer noch den Palast des Koenigs, denn es gibt hier nichts- die Stadt ist sehr verschlafen, aber hat suedlichen Charme komplett mit Palmen und Eukalyptusbaeumen. Dafuer hab ich in St. Tirso (huh?) eine Kerze angezuendet- und mir ein bisschen Zeit genommen in aller Stille nachzudenken. Die Herberge hier ist o.k., allerdings ist die Kueche unbenutzbar und ueber die Waescheleinen schweige ich lieber.  Wie schon so haeufig habe ich also ein Menue de Pelegrino gegessen (frischer Lachs, hmmmm! aber leider wie immer mit patatas fritas… ich habe solche Sehnsucht nach Salzkartoffeln) und werde um 21.30 h richtig Bett wandern.

Was kann ich noch sagen, ausser es geht mir gut und ich freue mich ueber jeden eurer Kommentare, die SMS (*umaermelt* Birgit), den taeglichen Wetterbericht…. Der Weg ist leichter, wenn man weiss, dass man ihn nicht alleine geht!

Alles Liebe, Marie

PS. Vera, ich denke ganz fest an dich.

PPS. Allerliebste Les, die Zombieveranstaltung ist gebucht:P    

Auf, auf zum Ortswechsel

Und schon wieder eine kleine Aenderung des Plans: Morgen ist in Spanien Feiertag (dias del trabajo), also haben alle Geschaefte geschlossen inklusive der Schuhgeschaefte. Ich wollte zwischenzeitlich ja heute nicht nach Sarria, weil der Autobus nur um 8 morgens faehrt… und dann nicht mehr. Nun, jetzt fahre ich um 18 h mit Lueita (der Herbergsmutter) nach Sarria, sie gibt mich in einer Herberge ihres Vertrauens ab (*g* ist sogar reserviert fuer mich) und von da aus schnecke ich los um mir Sandalen zu kaufen, damit ich morgen mal lostesten kann. Uebrigens wenn ich nicht will darf ich wohl auch in Sarria bleiben:)

Ganz ehrlich heute geht es mir viel besser als gestern- die Ferse klebt nicht beim Verbandwechsel, ich hatte lauter schoene Telefonate mit meinen Eltern, meiner Schwester, Les, Vera…. und konnte smsen mit den andern beiden. Ich spiele sogar ein bisschen Hostalero, komplett mit abstempeln, Auskuenften usw.. Heute mittag habe ich mit einer Franzoesin gekocht, die wahrscheinlich morgen auch nach Ferreios geht (40km!)- ich ueberspringe sozusagen die Etappe nach Sarria und gehe auch nach Ferreios (12 km). Hoffentlich regnet es nicht gar zu sehr. Die Pilger, die heute ankamen haben von Schnee oben auf dem Cerebreio berichtet- oh und von den Horror-Notunterkuenften in o’Cerebreio (jaja, davon koennen Kristina, Annika und ich auch ein Liedchen singen). Heute abend also nach Sarria! Bin mal gespannt, ob ich Pilger von gestern wiedertreffe.

PS. Annika+Kristina: Karin und Norbert sind jetzt mindestens eine Etappe hinter euch:P

Es ist schon erstaunlich, wie sich auf dem Jakobsweg saemtliche Plaene zerschlagen, die man so anstellt. Ja, das ist nicht wirklich ein verheissungsvoller Anfang fuer einen Blogeintrag, aber meine Angstetappe (der Camino Duro und Teil 2 O’Cerebreio) war mindestens so furchtbar, wie ich sie mir vorgestellt hatte und gleichzeitig sehr befreiend. Jeder Schritt hier hat mit Freiheit zu tun, einer ganz gewoehnlichen Freiheit, die man erst fuer sich selbst entdecken muss und die fuer mich ein ziemliches Abenteuer ist. Ich kann mich fast nicht sattsehen an der Landschaft und selbst der schlimmste Regen bringt mich nicht dazu Schutz zu suchen (Regensturm am Berg, das ist unbeschreiblich!)- ich kann, ich will weitergehen. Sogar heute und das zu schreiben faellt mir sehr schwer. Ich sitze naemlich sozusagen fest.

Falls ihr euch erinnert, ich habe in meinem letzten Eintrag geschrieben, dass ich mir Blasen gelaufen habe. Gestern, nach dem Abstieg nach Triacastella hab ich die Schuhe ausgezogen und mein linker Fuss, genauer die linke Ferse ist eine einzige offene Blase. Fies, kann ich dazu nur sagen. Gluecklicherweise sind wir in einer sehr schoenen Herberge gelandet und die hija der Hospitaleros hat mich 20 km nach Sarria zu einem Arzt gefahren. Der hat meinen Fuss verarztet, Betaisadona Baeder verschrieben und ja, mir vier Tage Laufverbot/Schonung erteilt. Ich darf also erst am 1. Mai weiter… Das war ein eher traenenreicher Tag, denn als Gruppe wollten Annika, Kristina und ich ja schon bald Santiago erreicht haben- es sind nur noch vier grosse Etappen (also vier Tage!) und weiter nach Finis Terra. Fuer mich haette das eine endlose Autobusfahrerei bedeutet, denn ab dem 1. darf ich eben auch nur 15 km laufen, nicht viel mehr. Ich wusste wirklich nicht mehr weiter, aber wie es manchmal so kommt, fuegten sich die Dinge von ganz alleine. Kristina und Annika gehen heute nach Sarria weiter und ich schone meinen Fuss und werde dann, ab dem ersten meinen eigenen Weg gehen. Eva hat in Potsdam zu mir gesagt, dass der Jakobsweg mein „Abenteuer“ sein werde und sie hatte recht. Diesen Weg geht jeder fuer sich- mit der Freiheit auch einmal nein sagen zu duerfen, wenn es nicht mehr geht. Es ist schon seltsam, dass wir jetzt so auseinandergerissen wurden und als die anderen heute morgen zur Tuer hinausgingen war mir ganz elend. Jetzt geht es mir schon viel besser. Ich habe sogar schon angefangen meine zukuenftigen Etappen zu planen- immer brav ungefaehr 15 km, ab Sarria:) Wenn alles glatt geht bin ich am neunten in Santiago- am zehnten geht der Flieger. Ich kann es fast nicht beschreiben, wie wichtig es fuer mich ist Santiago aus meiner eigenen Kraft zu erreichen, denn es geht eben nicht nur um die Anstrengungen und Muehen des Weges, sondern auch um das Erreichen koennen eines Zieles. Die vorletzte Etappe bergauf war so ein Alptraum fuer mich; Berge steil hinauf die locker mit den Dolomiten mithalten koennen, gah wie schrecklich. Ich bin sehr froh, dass die zweite Steigeetappe gestern im Nebel lag (O-ton Kristina: “ Ich laufe durch eine WOLKE!!!“), da konnte ich wenigstens die drohende Hoehe nicht sehen. Und jetzt, wo es nur noch recht flach ist darf ich nicht mehr laufen, ich empfinde das als etwas ungerecht, zumal die Erinnerung an Strapazen recht schnell vergeht… Ich hatte mich schon so auf die Tiefebene Galiziens gefreut! Das Laufen, das sich jedes Schrittes bewusst-seins ist ganz wunderbar, ich habe das Gefuehl heute bin ich auf „Entzug“, so merkwuerdig das nun klingen mag.

Die Herbergseltern machen uebrigens eine Ausnahme fuer mich und ich darf hier bleiben- ich kann mich also ausruhen und muss nicht die naechsten Tage von Herberge zu Herberge ziehen. Nochetwas, was ich gelernt habe- von voellig fremden unglaublich hilfsbereiten Menschen alles moegliche anzunehmen und als Danke nur ein Gracias und ein Laecheln zu geben, denn damit ist hier alles bereits vergolten.

Ich habe einen Spruch in Villafranca gelesen: Der Tourist verlangt, der Pilger dankt. Und das ist wirklich so.

Morgen kaufe ich also erst mal Wandersandalen in Sarria, da diese den unteren Teil der Ferse mehr schonen (sollen) und jetzt gehe ich ins Dorf, kaufe mir Kekse und Postkarten und betrachte den Autobus Fahrplan. (Das geaht uebrigens schnell, hier ist alles … sehr uebersichtlich fuer die Hennefer unter uns, wie Geistingen, wenn Geistingen sechs Pilgerherbergen haette) 

Alles Liebe, Marie

Hola!

So, jetzt habe ich schon drei Etappen hinter mir und es ist viel schrecklicher und viel schoener als ich es je erwartet haette. Schon die Reise nach Astorga war ein Abenteuer fuer sich- komplett mit Buskontrolle der Gurdia Civil auf der Suche nach ETA Terroristen- und ratet mal wer neben ihnen sass und Kekse mit ihnen teilte? Natuerlich ich! Es waren nicht wirlich Terroristen, lediglich Verdaechtige- und sie waren wirklich nett:)

Ueberhaupt es ist ganz erstaunlich was fuer Leute miteinander auf dem Camino ins Gespraech kommen- es zaehlt weder Bildung noch Einkommen, alle sprechen sich mit Vornamen an und es ist einfach sehr interessant. Aber zurueck zu Montag: wie angekuendigt habe ich den Zug verpasst, aber dank zweier netter Damen (Gruss an Gertrud und Hilde!) die richtige Busverbindung/TaxiFahrt nach Astorga angetreten… wo ich dann endlich Annika und Kristina traf. Ach, meine erste (noch sehr luxerioese) Herberge… Mittlerweile bin ich schon viel besser im Ertragen der Schnarcher, Schnuffler und Grunzer- aber meine erste Nacht war die Hoelle. Also, nach durchwachter Nacht ging es dann los- erste Etappe: Astorga bis nach Rabanal (in eine tolle Herberge gefuehrt von Englaendern, die ich am liebsten mitgenommen haette). Ich hab ehrlich gesagt nur vage Erinnerungen- es war heeiss und mir tat die Schulter weh.  Aber Annika und Kristina haben mich getroestet, dass alles besser wird und sie hatten ja soooo Recht! Die zweite Etappe nach Molineseca (am eisernen Kreuz vorbei) fand im Dauerregen statt und ich liebe Regen- nein ganz ehrlich! Der erste Teil war bergauf und entsprechend entsetzlich fuer mich bis ich mein eigenes Tempo gefunden hatte. Die Landschaft war atemberaubend- Schluchten, Berge und endlose Trampelpfade bergauf, bergab. Bergab stroemte der Regen wie ein Bach ueber unsere Fuesse und es war so schoen, es fehlen mir die Worte. Ich hab sogar einen Salamander gesehen und ca. 1000 Stoerche, die Annika bestimmt alle fotographiert hat. Ach ja:)  Rabanal hatte auch ein Benedektinerkloster und wir waren zur lateinischen Vesper, die sehr beruehrend war. Ueberhaut die Kirchen hier- fast alle sind etwas besonderes und beherbergen Schaetze, die man sich gar nich vorstellen kann!

Meine ersten Blasen habe ich natuerlich auch schon… au. Wusstet ihr dass man Blasen ueber Blasen bekommen kann? Aus Erfahrung wird man klug. Und ich kann auch noch ganz gut laufen… heute immerhin schon 32km + x km! Heute hat es nur getroepfelt und das war auch ganz gut so, denn meine KLamotten brauchen eine CHance zu trocknen. Leider ist meine Regenhose nicht dicht, aber was solls, der Rucksack ist trocken. Uebrigen gewoehne ich mich laaaaangsam an das Gewicht, aber fuer jede Sekunde ohne bin ich dankbar.  Morgen werden wir auf den Cerebreio hoch wandern, drueckt uns die daumen, die Etappe soll sehr hart sein. So und jetzt muss ich das Internet freimachen. Also noch kurz:

Alles Liebe, Marie

PS. Hanne? Vielen, vielen Dank fuer den Wetterservice, auch von den anderen beiden.

PPS. *drueckt Vera*

PPPS. Viele Gruesse von Annika und Kristina an ihre Familien (kann das bitte jemand weiterleiten)

Oh und Internet und Telefon hat man nur sporadisch… *seufzt*

Einmal werde ich noch wach…

Ganz ehrlich, ich bin ganz schön aufgeregt, dass es morgen endlich losgeht. Spanien, olé!

Heute morgen hab ich meinen Rucksack gepackt und ich habe sogar noch ein bißchen Platz. O.K. auf dem Photo (Alles gepackt!) sieht man es nicht wirklich, aber der Rucksack ist nicht zum Bersten gefüllt (was nicht heißt, dass er leicht wäre…). Es fällt mir ganz schön schwer auf ein richtiges Buch zu verzichten, aber vielleicht kaufe ich mir einen weg-werf-null-acht-fünfzehn-Krimi am Flughafen, damit ich wenigstens etwas für die Zugfahrt habe:)

 

Nun aber zum interessanten Teil, lies, eine detaillierte Aufstellung der morgigen Reise:

10.55h Abflug Köln/Bonn

13.05h Landung in Bilbao

 

14h (hoffentlich!!!) Abfahrt mit dem Zug in Bilbao-Abando

17.47h Ankunft in Venta de Bano

18.25h Abfahrt (oh nein, ich muss den Zug wechseln, dass hat ja schon auf dem Weg nach Potsdam nicht geklappt!)

20h Ankunft in Leon und nochmal Umsteigen

20.44 h Ankunft am Bahnhof in Astorga:)

 

Sollte ich den Zug (EuskaTran?) verpassen, weil ich bis 14h den Bahnhof nicht gefunden habe, bleibt mir immer noch der gute alte Autobus. (Oi, 9 Stunden Busfahrt… ich sollte das mit dem Krimi wohl wirklich noch mal überdenken)

Natürlich freue ich mich darauf Annika und Kristina zu treffen (seid ihr schon HEUTE in Astorga? Haben wir uns bei den Etappen verrechnet?) und ihnen ihre „Carepakete“ auszuhändigen. Ich habe natürlich reichlich Blasenpflaster eingepackt, immer eingedenk der horrenden Schilderungen, aber ich hoffe ich komme heil davon (zumindest bis zum Cebreiro, danach bin ich sowieso glücklich!) .

Viel mehr bleibt jetzt wohl nicht mehr zu sagen, wünscht mir Glück und begleitet mich auf meiner Reise, zumindest in Gedanken!