250 km zu Fuß!
Die Marie wandert auf dem JakobswegArchiv für Mai, 2007
…und endlich Santiago! (Oder der Tag an dem ich 40Minuten nach einem Internetcafe suchte)
Heute morgen bin ich in Santiago angekommen, habe mit Rucksack die Kathedrale besichtigt, meinen Compostuela im Pilgerbuero abgeholt, die Messe mitgefeiert und stundenlang die Stadt besichtigt. Santiago ist traumhaft schoen, verwinkelte Gaesschen umringen die Kathedrale und verbinden die vielen wunderbaren Gebauede der Stadt- ich kann euch gar nicht genug vorschwaermen, die Altstadt ist wunderbar erhalten und sehr gepflegt (und streng bewacht- ich bin umzingelt von Polizeistationen!). Es gibt grosszuegige Parkanlagen, die sich an die Universitaet anschliessen und geradezu zum faulenzen einladen- und dass habe ich heute ausfuehrlich getan! Ueberhaupt ist die Stadt total vom studentischen Alltag gepraegt und die vielen Pilger gehen fast unter:)
Philip (der Hollaender) und ich teilen uns hier eine wunderschoene Wohnung ueber einem Gemuesehandler mit meinem eigenen Zimmer ( niemand der schnarcht!!!), Fernsehen, einer Kueche, Bad und einem (spanisch befuellten) Buecherregal. Hier laesst es sich aushalten!
Mittags hatte ich mich mit Waltraud zur Toertchenschlacht verabredet- in einem der feinen kleinen Cafes haben wir uns eine Unmenge kleiner Toertchen gekauft (inklusive Miniwindbeutel) und sind in den Park gewandert und haben sie genuesslich, jede Kalorie feiernd, verspeist… ganz ehrlich heute habe ich den Tag verbummelt. Nur das Flair der Stadt aufgesogen und das „Angekommen-Sein“ ausgekostet. Der Jakobsweg war teilweise sehr schwer fuer mich- schon allein wegen der Schmerzen in meinen Fuessen und der bestaendigen Sorge, ob ich ueberhaupt weitergehen kann, oder vielleicht doch noch abrechen muss. Kristina, Annika und ich mussten uns in Triacastela trennen und na ja, ihr wisst schon- leicht war das nicht fuer mich, denn alle anderen in meinem Alter sind eben volle Etappen gegangen und nicht nur halbe. Aber ich habe es aus meiner eigen Kraft geschafft und wirklich besondere Menschen kennengelernt- und treffe sie jetzt in der Stadt immer wieder. Das ist wirklich eine Art Befreiungsschlag nach gestern, war ich doch sehr enttaeuscht von der Etappe nach Monte de Gozo (ueber die hochgelobte Pilgerherberge schweige ich lieber… sie war g-r-a-u-e-n-h-a-f-t), die anfangs schoen durch Eukalypten fuehrte, aber dann parallel zur Strasse verlief und einfach stressig war.
Was soll ich jetzt noch mehr sagen ausser DANKE an alle, die mich ein Stueck des Weges begleitet haben- gottseidank, SANTIAGO ist erreicht!- es war die beste Entscheidung meines Lebens diesen Weg zu gehen.
Alles Liebe, Marie
In Sandalen ueber die Alpen…
Hola,
heute bin ich in Arzua angekommen und das Wetter ist fantastisch. Ich habe heute den ganzen Tag verbummelt und hatte gemaess der morgendlichen Anweisung viel Spass.
Also zuerst etwas ueber die heutige Etappe- bergmaessig einige Steilhaenge, aber nicht schlimmer als das Siebengebirge und ohne Ende Eukalyptuswaelder. Ich hatte keine Ahnung, dass Eukalypten (huh, was ist denn bitte der Plural?) so hoch werden! Die Landschaft war wie immer berauschend und wir hatten Sonnenschein! Mir wurde es fast ein bisschen zu warm… Heute war aber der Tag der Begegnungen- wenn ich ihn betiteln sollte. Morgens beim Fruehstueck hat mir meine brasilianische Familie einen sehr schoenen Halbedelstein geschenkt- er ist gruen mit Flecken, weil er angeblich gut fuer die Seeele ist. Oh und ich hatte frische Erdbeeren zum Fruehstueck, weil eine Pilgerin mir die Haelfte ihre Packung geschenkt hat- Kaesebroetchen, Yoghurt und Erdbeeren, ich lebe richtig gut! Ich bin dann munter losmarschiert, ueberwandt die ersten Huegel und traf in einem kleinen Ort vor einer urigen Kirche einen sehr netten Padre mit dem ich bestimmt eine halbe Stunde verquatscht habe, er hat mir die Kirche gezeigt und eine Bibel und ein kleines Buch ueber den Camino geschenkt. Weiter ging es Richtung Rio und ich landete bei einer Gruppe, die Pflastersteine von Pilgern bemalen laesst und diese als zusaetzliche Wegweiser entlang des Jakobsweges plaziert. Die Idee finde ich sehr schoen und ich habe fleissig einen Stein bemalt und bekomme die Bilder per E-mail:) Am Ende von Rio bin ich dann einer alten Baeurin in die Finger geraten, die mich gleich ihrem Sohn vorstellen wollte (… oh. mein. Gott. Soetwas passiert auch nur mir!) und dann war ich auch schon um eins in Arzua. Arzua ist huebsch und ich habe natuerlich Pulpo, TINTENFISCH!!! zu Mittag gegessen. Leider konnten wir schon wieder nicht kochen, aber was soll’s. Menue de Pelegrino zum Abendessen und tonnen von Keksen zwischendurch. Wahrscheinlich hab ich zugenommen, wenn ich zurueckkomme, ich bin den ganzen Tag am Essen! Einer meiner staendigen Wegbegleiter ist richtig krank geworden- Durchfall- wohl wegen des Wassers aus einer Quelle am Weg. Ich habe heute meine Wasserflasche stehengelassen, aber gluecklicherweise in einer Tienda einfach frisches gekauft… Durchfall, der haette mir ja gerade noch gefehlt.
Gestern bin ich nach Melide gewandert und irgendwie bin ich die ganze Zeit alleine gewesen. Nach drei Stunden hab ich am Wegesrand ein Pferd auf einer Koppel gesehen und mich dann halt mit diesem unterhalten. Es war schon sehr seltsam einfach niemanden unterwegs zu sehen, keine Radfahrer, keine anderen Pilger… Ich, allein in der Wildnis. Melide war dazu das absolute Kontrastprogramm, denn Melide ist eine richtige Grossstadt (eu, drei s), die Spanier alle tres chic und ich in meinen Badelatschen, nachmittags zum Stadtspaziergang. Dort hab ich in der Herberge ein supernettes Ehepaar aus St. Louis kennengelernt, mit denen ich dann losgezogen bin zur Apotheke und zum Supermarkt. Abends hat meine Gruppe (^_^) dann ein Konzert mit neuen Talenten aus Melide besucht (das wahr teilweise unfreiwillig komisch, besonders als Christina das Moechtegerntalent ihren Beitrag fuer den Grandprix d’Eurovision vorstellte… Kueblboeck in weiblich! *schaudert*) und dann gings puenktlich um halb elf ins Bett. Allerdings blieb der Schlaf ein ferner Gast in dieser Junta-herberge gab es doch gleich zwei Extremschnarcher, die auch noch einen Schnarchtakt entwickelten. Aaaaaah! Von gestern auf heute hab ich also maximal 2 Stunden geschlafen und sehe aus wie ein Waschbaer- dafuer ist die Herberge heute superschoen und hat tolle sanitaere Anlagen (danke, danke fuer warme Duschen, deren Knopf man nicht bestaendig druecken muss!) - der Schlafsaal ist jedoch sehr gross. Hm. Mal sehen. Morgen geht es nach Pedrouza und jetzt suche ich mir eine Telefonzelle um Hanne anzurufen.
Alles Liebe, Marie
PS. Florian, ich hatte mich schon gewundert, dass du dich noch nicht gemeldet hattest. Liebe Gruesse an Heidi, Mia und Hannah! <3
PPS. Les, mit Paddy jetzt alles in Ordnung?
…Palas del Rei hab ich mir irgendwie groesser vorgestellt!
Buenas Dias zusammen,
ich sitze im Internetcafe/Sportbar in Palas del Rei und verarbeite den Tag- ach ja, schoen war’s heute. Strahlender Sonnenschein seit heute morgen und wunderbare Temperaturen zum wandern.
Seit Sarria war Palas del Rei meine dritte Etappe und da ich ein bisschen Zeit habe, eine kurze Zusammenfassung der letzten Tage:
Meine erste 12 km Etappe ging im stroemenden Regen nach Ferreiros- und ich habe nur Sandalen an, da ich nicht anderes mehr tragen kann. Ich habe mir also ein Muellsackkonstrukt gebastelt, dass auch recht gut funktioniert hat und gegen Mittag war ich in Ferreiros. Die Strecke war wunderschoen, mit kurzen Anstiegen durch Eichenwaelder und an Baechen entlang. Entlang bedeutet auf dem Jakobsweg mitten hindurch auf wackeligen Steinen. Das war vielleicht ein Spass- alle fuenf Minuten hab ich Stossgebete zum Himmel geschickt, damit ich nicht im Bach lande, oh und natuerlich habe ich laut gesungen, es war ja ausser mir niemand da. In Ferrreiros angekommen ging der Sturm los und die Herberge war noch zu- also bin ich in Haus drei von sieben haengengeblieben und habe viel Kolakao getrunken und so langsam meine Etappengruppe kennengelernt. Im selben Tempo wie ich reisen ein aelteres norwegisches Ehepaar, ein sehr nettes Ehepaar aus der Eifel, ein witziger Hollaender (Annika+Kristina: der FReund von Carlos, erinnert ihr euch an den?) und eine brasilianische Familie, deren Sohn in meinem Alter ist, aber ziemlich schuechtern. Wir sehen uns jeden Tag auf den Strecken, gehen zusammen Essen (Waltraud und ich teilen uns das Rucksack Taxi), kochen morgen zusammen in Melide- oh und alle sind immer sehr aufmerksam, dass ich ein Bett bekomme, dass ich genug esse und ueberhaupt:) Mit dem Laufen geht es sehr gut, aber nach 15 km ist wirklich die Schmerzgrenze erreicht, danach wird jeder Schritt unangenehm.
Die Strecke von Ferreiros nach Gonzar ist sehr idyllisch, verwunschene Eichenwaelder und einsame halbleere Doerfer wechseln sich ab mit der immergruenen, satten Landschaft Galiziens. Oh und natuerlich hat es gestern geregnet. Es hat derartig geregnet, dass ich mir in Portomarin nicht nur Geld abheben sondern auch trockene Socken kaufen musste. Jaja, die teuersten Socken meines Lebens- zwei Paar Wandersocken 25 Euro. Aber ganz ehrlich, ich konnte mir die Fuesse trocknen und warme Fuesse sind etwas wunderbares. Portomarin hat eine Kathedrale, die ich aber nicht besonders beeindruckend fand (ich bin halt die Dimensionen des Koelner Doms gewohnt und Portomarins Kirche war nicht viel groesser als die Rotter Dorfkirche, dafuer aber voller Kunstschaetze) Vielleicht haben mich auch nur die Bustouristen genervt (von den Spaniern abschaetzig Tolegrinos, statt Pelegrinos, gerufen), die trocken und leicht angeheitert aus ihrem Bus quellten, alles in der Kirche fotografieren mussten und zu allem Ueberfluss hat einer von ihnen urbayrisch losgepoltert, dass er es ja locker schaffen wuerde zu Fuss zu gehen, die Etappen seien ja zahm. Ganz ehrlich zu diesem Zeitpunkt war ich bereits knapp vier Stunden durch den Regen auf sehr glatten Schieferwegen und knoecheltiefen Waldwegen herumsandalt und dem entsprechend sauer. Da muss man sich von jemandem der mit einem Bus unterwegs ist anhoeren, dass der Jakobsweg ja wirklich nichts Besonderes ist… Ah, ein wenig mehr ueber Portomarin: Portomarin wurde in den fuenfzigern aus einem Tal abgetragen und Gebaeude fuer Gebauede an einem Berghang wiederaufgebaut, das urspruengliche Dorf versank in den Fluten eines Stausees und da in Galizien zur Zeit Hochwasser ist (bitte, kein Kommentar), konnte ich die versunkenen Reste nicht sehen, nicht einmal die alte Bruecke. Portomarin liess ich rasch hinter mir und stieg hinauf nach Gonzar, in eine Juntaherberge mit exakt einem auf der Herdplatte huepfenden Topf und zwei Tellern. Aeh genau. Ich hatte mir zwar Nudeln, Kaese und Sosse (sorry, spanische Tastatur) mitgenommen, aber das Kochen gestaltet sich eher abenteuerlich- aber es hat geklappt, denn als Alternative haette ich nur ein Broetchen in dem Cafe nebenanbekommen und ich hatte wirklich Hunger… Spaeter sind wir ins Cafe umgezogen und ich habe meinen Kolakao getrunken und das Gewitter betrachtet.
Ueber Nacht hat es aufgeklart und heute war ein wunderwunderschoener Tag, anfangs fiel mir der Weg schwer, denn es ging bergauf und meine Ferse schmerzte sehr, aber die Landschaft war bei Sonnenschein so viel ansprechender, so dass ich gar nicht anders konnte als vergnuegt die Pfade entlangzusteigen. Nervig war nur die bestaendige Querung der C535 (Spanische Schnellstrasse), hin-zurueck- hinzurueck. Hmpf. Waeren nicht so fiese LKWs unterwegs koennte man natuerlich auf der Strasse bleiben- oh und was ich nicht begreife ist, dass der Jakobsweg immer nach starken Kurven oder Kuppen die Schnellstrasse quert… tolle Planung. Heute gab es eine ganze Reihe kleine Kirchen und Steinkreuze zu sehen und ich war schon um 1 in Palas del Rei. Hier suche ich uebrigens immer noch den Palast des Koenigs, denn es gibt hier nichts- die Stadt ist sehr verschlafen, aber hat suedlichen Charme komplett mit Palmen und Eukalyptusbaeumen. Dafuer hab ich in St. Tirso (huh?) eine Kerze angezuendet- und mir ein bisschen Zeit genommen in aller Stille nachzudenken. Die Herberge hier ist o.k., allerdings ist die Kueche unbenutzbar und ueber die Waescheleinen schweige ich lieber. Wie schon so haeufig habe ich also ein Menue de Pelegrino gegessen (frischer Lachs, hmmmm! aber leider wie immer mit patatas fritas… ich habe solche Sehnsucht nach Salzkartoffeln) und werde um 21.30 h richtig Bett wandern.
Was kann ich noch sagen, ausser es geht mir gut und ich freue mich ueber jeden eurer Kommentare, die SMS (*umaermelt* Birgit), den taeglichen Wetterbericht…. Der Weg ist leichter, wenn man weiss, dass man ihn nicht alleine geht!
Alles Liebe, Marie
PS. Vera, ich denke ganz fest an dich.
PPS. Allerliebste Les, die Zombieveranstaltung ist gebucht:P