Es ist schon erstaunlich, wie sich auf dem Jakobsweg saemtliche Plaene zerschlagen, die man so anstellt. Ja, das ist nicht wirklich ein verheissungsvoller Anfang fuer einen Blogeintrag, aber meine Angstetappe (der Camino Duro und Teil 2 O’Cerebreio) war mindestens so furchtbar, wie ich sie mir vorgestellt hatte und gleichzeitig sehr befreiend. Jeder Schritt hier hat mit Freiheit zu tun, einer ganz gewoehnlichen Freiheit, die man erst fuer sich selbst entdecken muss und die fuer mich ein ziemliches Abenteuer ist. Ich kann mich fast nicht sattsehen an der Landschaft und selbst der schlimmste Regen bringt mich nicht dazu Schutz zu suchen (Regensturm am Berg, das ist unbeschreiblich!)- ich kann, ich will weitergehen. Sogar heute und das zu schreiben faellt mir sehr schwer. Ich sitze naemlich sozusagen fest.
Falls ihr euch erinnert, ich habe in meinem letzten Eintrag geschrieben, dass ich mir Blasen gelaufen habe. Gestern, nach dem Abstieg nach Triacastella hab ich die Schuhe ausgezogen und mein linker Fuss, genauer die linke Ferse ist eine einzige offene Blase. Fies, kann ich dazu nur sagen. Gluecklicherweise sind wir in einer sehr schoenen Herberge gelandet und die hija der Hospitaleros hat mich 20 km nach Sarria zu einem Arzt gefahren. Der hat meinen Fuss verarztet, Betaisadona Baeder verschrieben und ja, mir vier Tage Laufverbot/Schonung erteilt. Ich darf also erst am 1. Mai weiter… Das war ein eher traenenreicher Tag, denn als Gruppe wollten Annika, Kristina und ich ja schon bald Santiago erreicht haben- es sind nur noch vier grosse Etappen (also vier Tage!) und weiter nach Finis Terra. Fuer mich haette das eine endlose Autobusfahrerei bedeutet, denn ab dem 1. darf ich eben auch nur 15 km laufen, nicht viel mehr. Ich wusste wirklich nicht mehr weiter, aber wie es manchmal so kommt, fuegten sich die Dinge von ganz alleine. Kristina und Annika gehen heute nach Sarria weiter und ich schone meinen Fuss und werde dann, ab dem ersten meinen eigenen Weg gehen. Eva hat in Potsdam zu mir gesagt, dass der Jakobsweg mein „Abenteuer“ sein werde und sie hatte recht. Diesen Weg geht jeder fuer sich- mit der Freiheit auch einmal nein sagen zu duerfen, wenn es nicht mehr geht. Es ist schon seltsam, dass wir jetzt so auseinandergerissen wurden und als die anderen heute morgen zur Tuer hinausgingen war mir ganz elend. Jetzt geht es mir schon viel besser. Ich habe sogar schon angefangen meine zukuenftigen Etappen zu planen- immer brav ungefaehr 15 km, ab Sarria:) Wenn alles glatt geht bin ich am neunten in Santiago- am zehnten geht der Flieger. Ich kann es fast nicht beschreiben, wie wichtig es fuer mich ist Santiago aus meiner eigenen Kraft zu erreichen, denn es geht eben nicht nur um die Anstrengungen und Muehen des Weges, sondern auch um das Erreichen koennen eines Zieles. Die vorletzte Etappe bergauf war so ein Alptraum fuer mich; Berge steil hinauf die locker mit den Dolomiten mithalten koennen, gah wie schrecklich. Ich bin sehr froh, dass die zweite Steigeetappe gestern im Nebel lag (O-ton Kristina: “ Ich laufe durch eine WOLKE!!!“), da konnte ich wenigstens die drohende Hoehe nicht sehen. Und jetzt, wo es nur noch recht flach ist darf ich nicht mehr laufen, ich empfinde das als etwas ungerecht, zumal die Erinnerung an Strapazen recht schnell vergeht… Ich hatte mich schon so auf die Tiefebene Galiziens gefreut! Das Laufen, das sich jedes Schrittes bewusst-seins ist ganz wunderbar, ich habe das Gefuehl heute bin ich auf „Entzug“, so merkwuerdig das nun klingen mag.
Die Herbergseltern machen uebrigens eine Ausnahme fuer mich und ich darf hier bleiben- ich kann mich also ausruhen und muss nicht die naechsten Tage von Herberge zu Herberge ziehen. Nochetwas, was ich gelernt habe- von voellig fremden unglaublich hilfsbereiten Menschen alles moegliche anzunehmen und als Danke nur ein Gracias und ein Laecheln zu geben, denn damit ist hier alles bereits vergolten.
Ich habe einen Spruch in Villafranca gelesen: Der Tourist verlangt, der Pilger dankt. Und das ist wirklich so.
Morgen kaufe ich also erst mal Wandersandalen in Sarria, da diese den unteren Teil der Ferse mehr schonen (sollen) und jetzt gehe ich ins Dorf, kaufe mir Kekse und Postkarten und betrachte den Autobus Fahrplan. (Das geaht uebrigens schnell, hier ist alles … sehr uebersichtlich fuer die Hennefer unter uns, wie Geistingen, wenn Geistingen sechs Pilgerherbergen haette)
Alles Liebe, Marie
War schön, gestern mit dir zu telephonieren! Ich hoffe, morgen ist das alles schon wieder einigermaßen verheilt. Und, ich will ja nicht drauf herumreiten (oder -wandern), aber was hab ich dir von Anfang an gesagt, hmm? Genau: Nimm Wandersandalen mit!
Edgar hat übrigens nen Allergieschock von irgendwas (er behauptet von den angeblichen Zusatzstoffen in billigem Wein von dem er ein halbes Glas getrunken hat) und hat geschwollene Mandeln, oder so. Angeblich kann er deswegen Montag nicht mit. Mein Michael hat sich natürlich auch noch nicht gemeldet. Pah! Geh ich eben alleine! Aber ich gehe auf jeden Fall und dann erzähle ich dir später wie es so war!
Andere Neuigkeiten gibt es eigentlich nicht, seit gestern ist nicht so viel passiert. Außer, daß mein Vater ein sich im Anfangsstadium befindliches Hornissennest inklusive Bewohnerin zerstört hat und wir zwanzig Minuten nicht in den Garten sollten, weil er befürchtete die Königin düst wütend dort herum und läßt ihren Frust an allem aus, was irgendwie nach Opfer aussieht. Und als Anne dann meinte, wo er schonmal dabei wäre, könne er bitte auch die Riesenspinne im Keller entfernen, da bekam er so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck und meinte ganz schnell: „Spinnen mach ich nicht!“ Mein Papa hat nämlich Angst vor Spinnen. Sogar vor den ganz kleinen, süßen… hihi.
Und die Solitairebiene auf unserem Balkon nervt Paddy immer noch gewaltig.
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Geekquote:
„She is in a hospital for people who are… challenged by reality.“
-Lois / ‘Lois&Clark’
Das sind wir auch.