250 km zu Fuß!

Die Marie wandert auf dem Jakobsweg

Archiv für April, 2007

Auf, auf zum Ortswechsel

Und schon wieder eine kleine Aenderung des Plans: Morgen ist in Spanien Feiertag (dias del trabajo), also haben alle Geschaefte geschlossen inklusive der Schuhgeschaefte. Ich wollte zwischenzeitlich ja heute nicht nach Sarria, weil der Autobus nur um 8 morgens faehrt… und dann nicht mehr. Nun, jetzt fahre ich um 18 h mit Lueita (der Herbergsmutter) nach Sarria, sie gibt mich in einer Herberge ihres Vertrauens ab (*g* ist sogar reserviert fuer mich) und von da aus schnecke ich los um mir Sandalen zu kaufen, damit ich morgen mal lostesten kann. Uebrigens wenn ich nicht will darf ich wohl auch in Sarria bleiben:)

Ganz ehrlich heute geht es mir viel besser als gestern- die Ferse klebt nicht beim Verbandwechsel, ich hatte lauter schoene Telefonate mit meinen Eltern, meiner Schwester, Les, Vera…. und konnte smsen mit den andern beiden. Ich spiele sogar ein bisschen Hostalero, komplett mit abstempeln, Auskuenften usw.. Heute mittag habe ich mit einer Franzoesin gekocht, die wahrscheinlich morgen auch nach Ferreios geht (40km!)- ich ueberspringe sozusagen die Etappe nach Sarria und gehe auch nach Ferreios (12 km). Hoffentlich regnet es nicht gar zu sehr. Die Pilger, die heute ankamen haben von Schnee oben auf dem Cerebreio berichtet- oh und von den Horror-Notunterkuenften in o’Cerebreio (jaja, davon koennen Kristina, Annika und ich auch ein Liedchen singen). Heute abend also nach Sarria! Bin mal gespannt, ob ich Pilger von gestern wiedertreffe.

PS. Annika+Kristina: Karin und Norbert sind jetzt mindestens eine Etappe hinter euch:P

Es ist schon erstaunlich, wie sich auf dem Jakobsweg saemtliche Plaene zerschlagen, die man so anstellt. Ja, das ist nicht wirklich ein verheissungsvoller Anfang fuer einen Blogeintrag, aber meine Angstetappe (der Camino Duro und Teil 2 O’Cerebreio) war mindestens so furchtbar, wie ich sie mir vorgestellt hatte und gleichzeitig sehr befreiend. Jeder Schritt hier hat mit Freiheit zu tun, einer ganz gewoehnlichen Freiheit, die man erst fuer sich selbst entdecken muss und die fuer mich ein ziemliches Abenteuer ist. Ich kann mich fast nicht sattsehen an der Landschaft und selbst der schlimmste Regen bringt mich nicht dazu Schutz zu suchen (Regensturm am Berg, das ist unbeschreiblich!)- ich kann, ich will weitergehen. Sogar heute und das zu schreiben faellt mir sehr schwer. Ich sitze naemlich sozusagen fest.

Falls ihr euch erinnert, ich habe in meinem letzten Eintrag geschrieben, dass ich mir Blasen gelaufen habe. Gestern, nach dem Abstieg nach Triacastella hab ich die Schuhe ausgezogen und mein linker Fuss, genauer die linke Ferse ist eine einzige offene Blase. Fies, kann ich dazu nur sagen. Gluecklicherweise sind wir in einer sehr schoenen Herberge gelandet und die hija der Hospitaleros hat mich 20 km nach Sarria zu einem Arzt gefahren. Der hat meinen Fuss verarztet, Betaisadona Baeder verschrieben und ja, mir vier Tage Laufverbot/Schonung erteilt. Ich darf also erst am 1. Mai weiter… Das war ein eher traenenreicher Tag, denn als Gruppe wollten Annika, Kristina und ich ja schon bald Santiago erreicht haben- es sind nur noch vier grosse Etappen (also vier Tage!) und weiter nach Finis Terra. Fuer mich haette das eine endlose Autobusfahrerei bedeutet, denn ab dem 1. darf ich eben auch nur 15 km laufen, nicht viel mehr. Ich wusste wirklich nicht mehr weiter, aber wie es manchmal so kommt, fuegten sich die Dinge von ganz alleine. Kristina und Annika gehen heute nach Sarria weiter und ich schone meinen Fuss und werde dann, ab dem ersten meinen eigenen Weg gehen. Eva hat in Potsdam zu mir gesagt, dass der Jakobsweg mein „Abenteuer“ sein werde und sie hatte recht. Diesen Weg geht jeder fuer sich- mit der Freiheit auch einmal nein sagen zu duerfen, wenn es nicht mehr geht. Es ist schon seltsam, dass wir jetzt so auseinandergerissen wurden und als die anderen heute morgen zur Tuer hinausgingen war mir ganz elend. Jetzt geht es mir schon viel besser. Ich habe sogar schon angefangen meine zukuenftigen Etappen zu planen- immer brav ungefaehr 15 km, ab Sarria:) Wenn alles glatt geht bin ich am neunten in Santiago- am zehnten geht der Flieger. Ich kann es fast nicht beschreiben, wie wichtig es fuer mich ist Santiago aus meiner eigenen Kraft zu erreichen, denn es geht eben nicht nur um die Anstrengungen und Muehen des Weges, sondern auch um das Erreichen koennen eines Zieles. Die vorletzte Etappe bergauf war so ein Alptraum fuer mich; Berge steil hinauf die locker mit den Dolomiten mithalten koennen, gah wie schrecklich. Ich bin sehr froh, dass die zweite Steigeetappe gestern im Nebel lag (O-ton Kristina: “ Ich laufe durch eine WOLKE!!!“), da konnte ich wenigstens die drohende Hoehe nicht sehen. Und jetzt, wo es nur noch recht flach ist darf ich nicht mehr laufen, ich empfinde das als etwas ungerecht, zumal die Erinnerung an Strapazen recht schnell vergeht… Ich hatte mich schon so auf die Tiefebene Galiziens gefreut! Das Laufen, das sich jedes Schrittes bewusst-seins ist ganz wunderbar, ich habe das Gefuehl heute bin ich auf „Entzug“, so merkwuerdig das nun klingen mag.

Die Herbergseltern machen uebrigens eine Ausnahme fuer mich und ich darf hier bleiben- ich kann mich also ausruhen und muss nicht die naechsten Tage von Herberge zu Herberge ziehen. Nochetwas, was ich gelernt habe- von voellig fremden unglaublich hilfsbereiten Menschen alles moegliche anzunehmen und als Danke nur ein Gracias und ein Laecheln zu geben, denn damit ist hier alles bereits vergolten.

Ich habe einen Spruch in Villafranca gelesen: Der Tourist verlangt, der Pilger dankt. Und das ist wirklich so.

Morgen kaufe ich also erst mal Wandersandalen in Sarria, da diese den unteren Teil der Ferse mehr schonen (sollen) und jetzt gehe ich ins Dorf, kaufe mir Kekse und Postkarten und betrachte den Autobus Fahrplan. (Das geaht uebrigens schnell, hier ist alles … sehr uebersichtlich fuer die Hennefer unter uns, wie Geistingen, wenn Geistingen sechs Pilgerherbergen haette) 

Alles Liebe, Marie

Hola!

So, jetzt habe ich schon drei Etappen hinter mir und es ist viel schrecklicher und viel schoener als ich es je erwartet haette. Schon die Reise nach Astorga war ein Abenteuer fuer sich- komplett mit Buskontrolle der Gurdia Civil auf der Suche nach ETA Terroristen- und ratet mal wer neben ihnen sass und Kekse mit ihnen teilte? Natuerlich ich! Es waren nicht wirlich Terroristen, lediglich Verdaechtige- und sie waren wirklich nett:)

Ueberhaupt es ist ganz erstaunlich was fuer Leute miteinander auf dem Camino ins Gespraech kommen- es zaehlt weder Bildung noch Einkommen, alle sprechen sich mit Vornamen an und es ist einfach sehr interessant. Aber zurueck zu Montag: wie angekuendigt habe ich den Zug verpasst, aber dank zweier netter Damen (Gruss an Gertrud und Hilde!) die richtige Busverbindung/TaxiFahrt nach Astorga angetreten… wo ich dann endlich Annika und Kristina traf. Ach, meine erste (noch sehr luxerioese) Herberge… Mittlerweile bin ich schon viel besser im Ertragen der Schnarcher, Schnuffler und Grunzer- aber meine erste Nacht war die Hoelle. Also, nach durchwachter Nacht ging es dann los- erste Etappe: Astorga bis nach Rabanal (in eine tolle Herberge gefuehrt von Englaendern, die ich am liebsten mitgenommen haette). Ich hab ehrlich gesagt nur vage Erinnerungen- es war heeiss und mir tat die Schulter weh.  Aber Annika und Kristina haben mich getroestet, dass alles besser wird und sie hatten ja soooo Recht! Die zweite Etappe nach Molineseca (am eisernen Kreuz vorbei) fand im Dauerregen statt und ich liebe Regen- nein ganz ehrlich! Der erste Teil war bergauf und entsprechend entsetzlich fuer mich bis ich mein eigenes Tempo gefunden hatte. Die Landschaft war atemberaubend- Schluchten, Berge und endlose Trampelpfade bergauf, bergab. Bergab stroemte der Regen wie ein Bach ueber unsere Fuesse und es war so schoen, es fehlen mir die Worte. Ich hab sogar einen Salamander gesehen und ca. 1000 Stoerche, die Annika bestimmt alle fotographiert hat. Ach ja:)  Rabanal hatte auch ein Benedektinerkloster und wir waren zur lateinischen Vesper, die sehr beruehrend war. Ueberhaut die Kirchen hier- fast alle sind etwas besonderes und beherbergen Schaetze, die man sich gar nich vorstellen kann!

Meine ersten Blasen habe ich natuerlich auch schon… au. Wusstet ihr dass man Blasen ueber Blasen bekommen kann? Aus Erfahrung wird man klug. Und ich kann auch noch ganz gut laufen… heute immerhin schon 32km + x km! Heute hat es nur getroepfelt und das war auch ganz gut so, denn meine KLamotten brauchen eine CHance zu trocknen. Leider ist meine Regenhose nicht dicht, aber was solls, der Rucksack ist trocken. Uebrigen gewoehne ich mich laaaaangsam an das Gewicht, aber fuer jede Sekunde ohne bin ich dankbar.  Morgen werden wir auf den Cerebreio hoch wandern, drueckt uns die daumen, die Etappe soll sehr hart sein. So und jetzt muss ich das Internet freimachen. Also noch kurz:

Alles Liebe, Marie

PS. Hanne? Vielen, vielen Dank fuer den Wetterservice, auch von den anderen beiden.

PPS. *drueckt Vera*

PPPS. Viele Gruesse von Annika und Kristina an ihre Familien (kann das bitte jemand weiterleiten)

Oh und Internet und Telefon hat man nur sporadisch… *seufzt*

Einmal werde ich noch wach…

Ganz ehrlich, ich bin ganz schön aufgeregt, dass es morgen endlich losgeht. Spanien, olé!

Heute morgen hab ich meinen Rucksack gepackt und ich habe sogar noch ein bißchen Platz. O.K. auf dem Photo (Alles gepackt!) sieht man es nicht wirklich, aber der Rucksack ist nicht zum Bersten gefüllt (was nicht heißt, dass er leicht wäre…). Es fällt mir ganz schön schwer auf ein richtiges Buch zu verzichten, aber vielleicht kaufe ich mir einen weg-werf-null-acht-fünfzehn-Krimi am Flughafen, damit ich wenigstens etwas für die Zugfahrt habe:)

 

Nun aber zum interessanten Teil, lies, eine detaillierte Aufstellung der morgigen Reise:

10.55h Abflug Köln/Bonn

13.05h Landung in Bilbao

 

14h (hoffentlich!!!) Abfahrt mit dem Zug in Bilbao-Abando

17.47h Ankunft in Venta de Bano

18.25h Abfahrt (oh nein, ich muss den Zug wechseln, dass hat ja schon auf dem Weg nach Potsdam nicht geklappt!)

20h Ankunft in Leon und nochmal Umsteigen

20.44 h Ankunft am Bahnhof in Astorga:)

 

Sollte ich den Zug (EuskaTran?) verpassen, weil ich bis 14h den Bahnhof nicht gefunden habe, bleibt mir immer noch der gute alte Autobus. (Oi, 9 Stunden Busfahrt… ich sollte das mit dem Krimi wohl wirklich noch mal überdenken)

Natürlich freue ich mich darauf Annika und Kristina zu treffen (seid ihr schon HEUTE in Astorga? Haben wir uns bei den Etappen verrechnet?) und ihnen ihre „Carepakete“ auszuhändigen. Ich habe natürlich reichlich Blasenpflaster eingepackt, immer eingedenk der horrenden Schilderungen, aber ich hoffe ich komme heil davon (zumindest bis zum Cebreiro, danach bin ich sowieso glücklich!) .

Viel mehr bleibt jetzt wohl nicht mehr zu sagen, wünscht mir Glück und begleitet mich auf meiner Reise, zumindest in Gedanken!